Husum-Schwesing im System der Außenkommandos des KZ Neuengamme

Broschüre über das KZ Husum-Schwesing

Den folgenden Vortrag hat Dr. Detlef Garbe am 29. August 2014 auf Initiative des Freundeskreises in Husum vor zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhören gehalten. Detlef Garbe ist ein deutscher Historiker und Lehrbeauftragter für Zeitgeschichte an der Universität Hamburg. Seit 1989 ist er Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. (Quelle: Wikipedia)

Mit der rücksichtslosen Ausnutzung der Arbeitskraft von – zumeist nichtjüdischen – Häftlingen in der deutschen Kriegswirtschaft unter Bedingungen, die den Tod durch Entkräftung bewusst einkalkulierten, steht das KZ Neuengamme für den von der SS geprägten Begriff „Vernichtung durch Arbeit“. Obgleich Menschen aus ganz Europa nach Neuengamme deportiert wurden und es mit über 100.000 Häftlingen und 86 Außenlagern zu den großen Konzentrationslagern der SS zählte, ist es bis heute unbekannter als die meisten anderen der insgesamt 22 Hauptlager, die der Inspektion der Konzentrationslager unterstanden. Dabei war die Zahl der Todesopfer unter den im KZ Neuengamme registrierten Häftlingen nicht geringer als in anderen Hauptlagern, etwa dem KZ Dachau; die Todesrate lag sogar höher als beispielsweise in Buchenwald oder Ravensbrück.
Für die mangelnde Bekanntheit des Lagers gibt es eine Reihe von Gründen. Ich möchte einige kurz nennen, um Ihnen auf diese Weise zugleich einen Überblick zur Geschichte und Nachgeschichte des KZ Neuengamme zu vermitteln:

1.) Die enge Verflechtung zwischen Stadt und Lager:
Schon die Gründung des in den Hamburger Landgebieten 1938 eingerichteten Lagers geht auf die Initiative der Hansestadt Hamburg zurück, die sich von dem Häftlingseinsatz den billigen Bezug von Klinkersteinen für die beabsichtigte Umgestaltung zur „Führerstadt“ versprach. Während des Krieges mussten viele Tausende KZ-Häftlinge in städtischem Auftrag Aufräumungsarbeiten leisten oder in Rüstungsbetrieben und auf den Hamburger Werften für die Kriegswirtschaft arbeiten. Auch für die Ereignisse bei der Auflösung des Lagers trägt die Stadt ein hohes Maß an Verantwortung. Auch deshalb hatte nach 1945 die Hansestadt ein Interesse am Beschweigen dieses Teiles ihrer Geschichte.

2.) Das Ende des KZ und die Tragödie der KZ-Schiffe
Die lokalen Machtzentren von Partei, SS, Wehrmacht und Wirtschaft, die sich im März/April 1945 gegen die Weisung aus Berlin aus berechtigter Sorge vor weiterer Zerstörung auf eine kampflose Übergabe Hamburgs an die Briten verständigt hatten, wollten die Stadt aus Furcht vor Repressionen der Alliierten und Übergriffen befreiter Häftlinge frei von „KZ-Elendsgestalten“ wissen. Die Folgen waren Todesmärsche und die vom Hamburger Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar Karl Kaufmann initiierte Verbringung der letzten 10.000 Neuengammer Häftlinge auf als „schwimmende Konzentrationslager“ dienende Schiffe, darunter das ehemalige Renommierschiff der Hamburg-Süd, die „Cap Arcona“. 7000 Häftlinge starben am 3. Mai 1945 kurz vor ihrer möglichen Befreiung, als britische Jagdbomber die versehentlich für Truppentransporter gehaltenen Schiffe in Brand schossen – eine der ganz großen Tragödien des Zweiten Weltkrieges, die auch auf Seiten der alliierten Befreier das Interesse an einer Verbreitung von Nachrichten über das Ende des KZ Neuengamme bremste.

3.) Die gezielte Spurenverwischung bei Kriegsende
Nachdem am 19. April 1945 der Räumungsbefehl ergangen war, musste ein über 700 Mann starkes Häftlingskommando das Lager übergabefertig machen. Die SS ließ die Baracken reinigen, verräterische Gegenstände wie Galgen und Prügelbock beseitigen und die Akten vernichten. Das Kalkül ist aufgegangen: Als einziges der großen KZ-Hauptlager war Neuengamme beim Eintreffen alliierter Truppen vollständig von Häftlingen geräumt, vor Ort gab es niemanden mehr, der hätte befreit werden können. Die britischen Soldaten betraten am 2. Mai in Neuengamme ein menschenleeres Lager, das die dort begangenen Verbrechen weitgehend verbarg, während die Bilder, die auch die zu Tode gemarterten Häftlinge des KZ Neuengamme zeigten, von Bergen-Belsen und anderen Auffanglagern aus in die Welt gingen und bis heute von den Schrecken der Konzentrationslager zeugen. Die in Neuengamme vollzogenen KZ-Gräuel warfen auf Hamburg keinen nachhaltigen Schatten. Dies ermöglichte die jahrzehntelang gepflegte Legende, in der sich weltoffen gebenden Hansestadt sei es während der Nazi-Zeit gemäßigter zugegangen als anderswo.

4.) Die Nachnutzung des Lagers:
Dem Vergessen leistete auch die Nachnutzung des KZ Neuengamme zunächst als britisches Internierungslager, ab 1948 als Hamburger Gefängnis Vorschub. Erst auf Drängen der in der „Amicale Internationale“ zusammengeschlossenen Überlebenden wurden 1953 und 1965 – allerdings außerhalb des eigentlichen Lagergeländes – Mahnmale errichtet, die 1981 um ein erstes Ausstellungsgebäude ergänzt wurden. Erst mit den politisch heftig umstrittenen Gefängnisverlagerungen 2003 und 2006 wurden die Nachnutzungen zu Vollzugszwecken aufgegeben und auf nahezu dem gesamten ehemaligen Lagergelände unter Einbeziehung von 17 aus der KZ-Zeit erhaltenen Gebäuden mit Bundesbeteiligung einer der größten Gedenkstätten in Deutschland mit Ausstellungs- und Studienzentrum geschaffen.


Das System der Außenlager von Neuengamme

Aussenansicht der KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing (zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken)Doch war Neuengamme eben nicht nur das Stammlager in den Hamburger Landgebieten, sondern ein ganzer Lagerkosmos, ein System von Haupt- und Außenlager, das sich erst in der in der zweiten Kriegshälfte und verstärkt erst im letzten Kriegsjahr entwickelte. Die Herausbildung dieses Systems ist untrennbar mit einem Funktionswandel der Konzentrationslager verbunden:  
Mit der Kriegswende 1942 setzte eine neue Phase in der Entwicklung des KZ-Systems ein, die auf eine möglichst umfassende Ausnutzung des Arbeitskräftepotenzials der Häftlinge für Rüstungszwecke und andere kriegswirtschaftliche oder militärische Vorhaben zielte. Die SS, die zuvor dem Gedanken eines Häftlingseinsatzes in der Rüstungsindustrie ablehnend gegenübergestanden hatte, stimmte unter dem Druck des zunehmenden Arbeitskräftemangels zu, bestand aber aus Sicherheitsgründen und im Hinblick auf eine spätere Übernahme der Betriebe darauf, dass Unternehmen ihre Produktion direkt in die Lagerareale verlegen mussten.

Im KZ Neuengamme wurden daraufhin ab März 1942 mehrere Rüstungsbetriebe angesiedelt, die „Motorenfabrik Carl Jastram“ (Bau von Torpedorohren und Wassertanks für U-Boote), die „Deutsche Messapparate GmbH“ (Messap) (Produktion von Zeitzündern für Granaten), die „Metallwerke Neuengamme GmbH“, eine Tochterfirma des thüringischen Waffenherstellers Carl Walther (Herstellung der Pistole Pi 38 und des Selbstladegewehr K 43) und die SS-eigenen „Deutsche Ausrüstungswerke GmbH“ (Bedarfsartikel für die Waffen-SS wie Kasernenmobiliar, Kisten und Patronenbehälter).

Schon seit 1942 kamen Häftlingskommandos – entgegen den ursprünglichen Absichten der SS – auch an auswärtigen Industriestandorten zum Einsatz.  Bereits Anfang April 1942 wurden 500 Häftlinge in das beim Volkswagenwerk errichtete KZ „Arbeitsdorf“ überstellt, das faktisch selbstständig war, in seiner Gründungsphase aber noch der Leitung des Neuengammer Kommandanten Martin Weiß unterstand.  Die ersten direkt bei Firmen errichteten Außenlager des KZ Neuengamme entstanden im August 1942 bei den Phrix-Werken in Wittenberge – das erste eigene KZ-Lager bei einem nicht staatlichen Wirtschaftsunternehmen – und im Oktober 1942 bei den „Reichswerken ‚Hermann Göring‘“ in Salzgitter-Drütte. Zur gleichen Zeit wurden 1000 Häftlinge des KZ Neuengamme als II. SS-Baubrigade nach Bremen und Osnabrück überstellt, um dort nach Bombenangriffen im kommunalen Auftrag Aufräumungsarbeiten zu leisten.  In der Folgezeit wurden noch in weiteren norddeutschen Großstädten (Braunschweig, Hannover, Kiel, Wilhelmshaven) sowie auf Fabrikgeländen und nach Großangriffen auf Reichsbahnanlagen (Soest/Bad Sassendorf, Uelzen) Häftlingskolonnen aus Neuengamme zur Trümmerbeseitigung, Sprengung einsturzgefährdeter Ruinen, Leichenbergung und -bestattung sowie als Spezialkommandos zur Sprengung von Blindgängern eingesetzt.

Husumer OstfriedhofIm März 1943 unterstellte das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt auch die I. SS-Baubrigade, die auf die besetzte britische Kanalinsel Alderney zum Bau von Befestigungsanlagen abkommandiert war, der Neuengammer Lagerverwaltung. Die Zahl der Häftlinge in den Außenlagern näherte sich allmählich der im Hauptlager an (August 1943: Hauptlager ca. 5800, Außenlager ca. 3700). Im zweiten Halbjahr 1943 kamen zwei weitere Außenlager für den Häftlingsarbeitseinsatz in der „Accumulatoren-Fabrik AG“ in Hannover-Stöcken und beim Bau des U-Boot-Bunkers „Valentin“ in Bremen-Farge hinzu.

Erstmals kamen Häftlinge des KZ Neuengamme nun in größerem Umfang auch in Hamburg zum Einsatz.  Nach den alliierten Bombenangriffen vom 25. Juli bis 3. August 1943 („Operation Gomorrha“), die zur Zerstörung weiter Teile Hamburgs führten, wurden KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte für die Bergung und Bestattung von Leichen, die Errichtung von Mauern und Stacheldrahtabsperrungen um die im September 1943 als „tote Zonen“ zum Sperrgebiet erklärten Stadtteile Hammerbrook und Hamm-Süd, zur Freiräumung unpassierbarer Straßen und anderer wichtiger Verkehrswege, zur Absicherung akut einsturzgefährdeter Gebäude und zur Beseitigung der von Blindgängern ausgehenden Gefahren herangezogen.

Später kamen in den bombenzerstörten Stadtteilen im Hamburger Osten 2000 Häftlinge des Außenlagers Spaldingstraße und 1000 Häftlinge des Außenlagers Bullenhuser Damm zum Einsatz. Weitere 3500 Häftlinge mussten Bombenschäden im Hafengebiet beseitigen. 1500 KZ-Gefangene der Frauenaußenlager wurden im Behelfsheimbau eingesetzt. Alle Arbeitseinsätze fanden im kommunalen Auftrag statt, die Zuständigkeit lag bei der Hamburger Bauverwaltung. Insgesamt wurden bis Kriegsende über 10 000 Häftlinge des KZ Neuengamme zu Bergungs- und Aufräumungsarbeiten in Hamburg eingesetzt.  Von ihnen kamen zwischen 2000 und 3400 ums Leben, darunter viele Hunderte, die 1944/45 selbst bei Bombenangriffen starben. 1168 Tote sind namentlich bekannt.

Die weit überwiegende Zahl der Außenlager entstand erst im letzten Kriegsjahr, als bei Rüstungsfirmen in ganz Norddeutschland Häftlinge des KZ Neuengamme zum Einsatz kamen. Schwerpunkte bildeten die industriellen Ballungsräume um Hamburg (Blohm & Voss, Deutsche Werft, Drägerwerk AG, Hanseatisches Kettenwerk u. a.), Bremen (Borgward, Deschimag/Krupp-Norddeutsche Hütte u. a.), Hannover (Brinker Eisenwerke, Continental-Gummiwerke AG, Hanomag u. a.) und Braunschweig–Salzgitter (Büssing, Reichswerke „Hermann Göring“, Volkswagen u. a.). Zumeist wurden die Häftlinge zum Bau von Produktionsstätten oder zu Aufräumungsarbeiten nach Luftangriffen eingesetzt; in der Rüstungsfertigung selbst arbeitete nur ein kleinere Zahl von ihnen. Andere Außenlager dienten der Untertageverlagerung von Rüstungsproduktionsanlagen (Beendorf, Hannover-Ahlem, Lengerich, Porta Westfalica), dem Bau von Behelfsheimsiedlungen (Bremen-Obernheide, Hamburg-Poppenbüttel) oder von militärischen Befestigungsanlagen. In vielen Außenlagern, so auf den Werften und beim Bau von U-Boot-Bunkern in Bremen, Hamburg und Wilhelmshaven, arbeiteten Häftlinge für Rüstungsvorhaben der Kriegsmarine. Im Rahmen des sogenannten „Geilenberg-Programms“ mussten zur Produktionssicherung der durch Bombenangriffe schwer geschädigten deutschen Mineralölindustrie Tausende von Häftlingen Aufräumungsarbeiten bei Raffinerien ausführen (Hamburg-Veddel, Hamburg-Fuhlsbüttel, Hannover-Misburg).

Auszug aus der Totenliste des KZs Husum-SchwesingAls sich gegen Kriegsende die militärische und kriegswirtschaftliche Lage für das Deutsche Reich stark verschlechterte, hatte sich die nationalsozialistische Führung unter dem Druck des gravierenden Arbeitskräftemangels in Deutschland dazu entschlossen, auch aus dem Kreis der in die Vernichtungslager des Ostens deportierten und dort zur Ermordung bestimmten Jüdinnen und Juden Arbeitskräfte für den reichsweiten Einsatz bei Rüstungsvorhaben zu rekrutieren. Während die SS in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau weiterhin Kinder, Alte und Kranke ermordete, wurden ab Sommer 1944 weit über 100 000 jüdische Häftlinge in die Konzentrationslager des zuvor durch Deportationen weitgehend „judenfrei“ gemachten „Altreiches“ gebracht. In das KZ Neuengamme wies die SS vor allem aus Auschwitz und einigen anderen Lagern, im November 1944 aber auch direkt aus Budapest mehr als 12 000 jüdische Häftlinge ein. Nur ein kleiner Teil von ihnen kam in das Hauptlager, die meisten in neu errichtete Außenlager, die oftmals ausschließlich für jüdische Gefangene bestimmt waren. Mehrheitlich handelte es sich hierbei um Lager, die der Verrichtung schwerer Bauarbeiten, wie etwa dem Ausbau einer Stollenanlage in Hannover-Ahlem, dienten.

Zwar blieb das Hauptlager in Neuengamme eine Haftstätte für Männer, doch von den Außenlagern waren 24 mit Frauen belegt. Diese Frauenaußenlager entstanden ausnahmslos erst im letzten Kriegsjahr.
Mit der starken Ausweitung des Außenlagersystems im letzten Kriegsjahr stieg auch die Zahl der KZ-Einweisungen um ein Vielfaches. Von Mai bis Dezember 1944 wurden ca. 40 000 Menschen zumeist aus anderen Konzentrationslagern in das KZ Neuengamme deportiert und anschließend von dort auf die Außenlager verteilt. Von Januar bis April 1945 wurden nochmals über 20 000 Häftlinge eingeliefert. Insgesamt wurden im KZ Neuengamme über 81 000 Männer und 13 500 Frauen mit einer Häftlingsnummer registriert; weitere 5900 Menschen wurden in den Lagerbüchern nicht oder gesondert erfasst. Die Häftlinge kamen aus weit mehr als 20 Staaten. Die größten nationalen Gruppen unter den registrierten Häftlingen kamen aus der Sowjetunion einschließlich der baltischen Staaten (über 27 000), aus Polen (15 700), Frankreich (11 650), Deutschland (9200), Ungarn (7200) und den Niederlanden (6850). Insgesamt kam mehr als die Hälfte aller Häftlinge des KZ Neuengamme aus Osteuropa und ein Viertel aus westeuropäischen Staaten. Der Anteil der deutschen Häftlinge betrug weniger als 10 %.

Panzergraben in der MarschZum KZ Neuengamme zählten, soweit bislang bekannt, mindestens 86 Außenlager,  die sich über einen Raum erstreckten, der von der deutsch-dänischen Grenze bis zum Weserbergland und vom Emsland bis über die Elbe reichte. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den einzelnen Außenlagern unterschieden sich deutlich. Insbesondere in den Außenlagern zum Bau von Befestigungsanlagen und U-Boot-Bunkern, auf den Werften und bei der Untertageverlagerung herrschten mörderische Arbeitsbedingungen, während die Todesrate in feinmechanischen Rüstungsbetrieben mit Bedarf an Spezialisten und in einigen Frauenaußenlagern vergleichsweise niedrig war.  Die Opferzahl stieg mit der Einrichtung der Außenlager insgesamt sehr stark an.
Die Bedeutung der Außenlager zeigt sich auch daran, dass gegen Kriegsende in ihnen dreimal so viele Gefangene inhaftiert waren wie im Hauptlager: Ende März 1945 mussten in den Außenlagern, wie der letzte Vierteljahresbericht des SS-Standortarztes vom 29. März 1945 ausweist, 39 880 Häftlinge, davon 12 073 Frauen, Sklavenarbeit für die Kriegswirtschaft leisten.  Zur gleichen Zeit befanden sich bis zu 14 000 Gefangene im vollkommen überbelegten Hauptlager.


Das KZ Husum-Schwesing

Husum-Schwesing und Ladelund waren die nördlichsten Außenlager des KZ Neuengamme. Zur Einschätzung ihrer Bedeutung ist zunächst ein Blick auf ihre Entstehungsgeschichte notwendig. Bei meinen folgenden Ausführungen stütze ich mich auf die bekannten Forschungen, wobei insgesamt die Forschungslage zu den beiden an der Westküste gelegenen Außenlagern als vergleichsweise recht gut zu bezeichnen ist. Die Veröffentlichungen von Klaus Bästlein, Marc Buggeln, Perke Heldt, Hans-Peter Leppien, Olde Lorenzen, Fiete Pingel und Thomas Steensen sind hier zu nennen.   Sehr aufschlussreich sind auch die Veröffentlichungen der KZ-Überlebenden Professor Paul Thygesen  und des Priesters Pierre Jorand  Als wichtige Quellen stehen ferner das „Küchentagebuch“ von Husum sowie britische und deutsche Gerichts- bzw. Ermittlungsakten zur Verfügung.

Eine SteleSeit Mitte 1943 herrschte beim Oberkommando der Wehrmacht Angst vor einer Landung der Alliierten an der Atlantikküste und dem Beginn eines Zweifrontenkrieges an Land. Die deutsche Küste wurde zunächst nicht als gefährdet angesehen.  Dies änderte sich mit der Landung alliierter Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944. Bereits drei Tage später verfasste der Oberbefehlshaber des Marineoberkommandos Nordsee einen Bericht, der vor der Gefahr einer Invasion direkt an der deutschen Nordseeküste warnte.  Ein Führerbefehl vom 28. August 1944 beauftragte den Reichsverteidigungskommissar des Wehrkreises X, den Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann, mit dem Bau von Abwehrstellungen und insbesondere mit der hierfür erforderlichen Arbeitskräftebeschaffung.  Kaufmann ließ umfangreiche Pläne für den Stellungsbau ausarbeiten. Vorrang hatte demnach der Ausbau der ersten Linie direkt an der Küste, der bis zum 1. November 1944 abgeschlossen sein sollte. Anschließend sollte eine zweite Stellungslinie, der so genannte „Friesenwall“, etwa zehn Kilometer landeinwärts bis Januar 1945 fertig gestellt werden.

Ein für die Baumaßnahmen eingerichteter Gau-Einsatzstab sowie die Bauleitung der Organisation Todt (OT) hatten ihren Sitz in Husum. Um den Ausbau von Panzergräben voranzutreiben, griffen Kaufmann und die OT auf Häftlinge des KZ Neuengamme zurück. Die ersten 1500 Häftlinge trafen am 25. September 1944 in Husum ein. Am folgenden Tag wurden die Männer, unter ihnen sehr viele Gefangene aus Dänemark und den Niederlanden, in dem leer stehenden, am Bahndamm der damaligen Eisenbahnstrecke Flensburg–Husum gelegenen Barackenlager des Reichsarbeitsdienstes (RAD) in Schwesing untergebracht, das ursprünglich für 400 Personen eingerichtet worden war. Es bestand aus neun Standardbaracken des RAD, von denen acht zur Unterbringung der Häftlinge und eine als Krankenrevier genutzt wurden, und zwei größeren Baracken, die als Küche und Werkstätten dienten. An allen vier Ecken des eingezäunten Lagers befanden sich Wachtürme. Zudem gab es vier Latrinen, die über Erdlöchern standen und nie ausreichten. Sie waren nur durch ein Meer von Pfützen und Matsch erreichbar.
Im Oktober 1944 erreichte ein zweiter Transport mit 1000 Häftlingen das Lager, sodass zeitweilig bis zu 2500 Menschen in den völlig überfüllten Baracken leben mussten.

Der nördlichste Punkt der zweiten Sperrlinie befand sich wenige Kilometer westlich von Ladelund. Die für diesen nördlichen Abschnitt zuständige OT-Bauleitung hatte ihren Sitz im benachbarten Niebüll. Am 1. November 1944 trafen in Ladelund 1000 Häftlinge ein. Es handelte sich um jenen Transport, der im Oktober vorübergehend zusätzlich in Schwesing untergebracht worden war. Weitere 1000 Männer wurden direkt aus dem Stammlager Neuengamme nach Ladelund transportiert. Auch hier wurden die Häftlinge in einem ehemaligen Barackenlager des Reichsarbeitsdienstes untergebracht, das ursprünglich für 250 Personen gebaut worden war. Die größten Gruppen stellten in Ladelund Häftlinge aus Polen, der Sowjetunion und den Niederlanden.
Für den „Friesenwall“ richtete die OT auch in Aurich zwischen Weser- und Emsmündung den Sitz für eine Oberbauleitung ein. Hier kamen 2000 Häftlinge des KZ Neuengamme zum Einsatz, die in der zwölf Kilometer von Aurich entfernten Gemeinde Engerhafe untergebracht wurden.
Auch für den Bau der direkt durch das emsländische Meppen verlaufenden Ems-Rhein-Stellung, die ebenfalls aus Panzergräben sowie aus MG-Stellungen bestehen sollte , wurden Häftlinge aus dem KZ Neuengamme eingesetzt. Hierfür entstand Mitte November 1944 ein erstes Außenlager in Meppen-Versen mit einer Belegungsstärke von 3000 Häftlingen.

Hydrant auf dem Lagergelände in SchwesingDer Arbeitseinsatz beim Panzergrabenbau für das „Friesenwall“-Projekt im Herbst und Winter 1944 war selbst für KZ-Verhältnisse außerordentlich hart. Die Häftlinge hatten täglich zehn bis zwölf Stunden Schwerstarbeit zu verrichten. Bei strömendem Regen oder Eiseskälte mussten sie den Arbeitstag immerfort schaufelnd und mit Holzschuhen im Grundwasser stehend verbringen.
Eine weitere Gemeinsamkeit war dadurch gegeben, dass die Außenlager in Husum-Schwesing und Ladelund dem gleichen Kommandoführer unterstanden, dem äußerst rücksichtslosen und gewalttätigen SS-Untersturmführer Hans Hermann Griem.  Das Wachpersonal stellten SS Männer und Marineartilleristen; die Aufsicht während der Arbeit übten in der Regel OT-Angehörige aus.

Da aufgrund des Vormarsches der Alliierten, die sich im Westen den Reichsgrenzen näherten, mit deren Landung in der Deutschen Bucht kaum noch zu rechnen und somit der weitere Ausbau des „Friesenwalls“ nutzlos geworden war, wurden die drei Lager in Ladelund, Aurich-Engerhafe und Husum-Schwesing noch vor Ablauf des Jahres 1944 aufgelöst, als erstes am 16. Dezember 1944 das damit insgesamt nur sechs Wochen existente Außenlager in Ladelund, sechs Tage später Aurich-Engerhafe und schließlich am 29. Dezember 1944 Husum-Schwesing. Hier war allerdings die große Mehrheit der zumeist kranken Häftlinge bereits eine Woche zuvor abtransportiert worden. Aus allen drei Außenlagern wurden die Häftlinge nach Neuengamme zurückgebracht.
Der Arbeitseinsatz beim Panzergrabenbau in Meppen wurde hingegen mit Nachdruck fortgesetzt, da die Ems-Rhein-Stellung, die zur Verhinderung des Vordringens alliierter Landkräfte vom Westen ins Reich angelegt wurde, ihren militärischen Zweck behielt. Hier entstand neben dem Lager in Versen im Januar 1945 noch ein weiteres Außenlager mit bis zu 1000 Häftlingen in Dalum, in dem wiederum Griem als Lagerführer eingesetzt wurde.

Da einige Wochen vor den Lagerauflösungen in Husum-Schwesing und Ladelund eine Inspektion unter Beteiligung des Neuengammer SS-Standortarztes stattgefunden hatte, wird die Räumung der Lager zum Teil auch auf die dramatische Zunahme der Todesfälle zurückgeführt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass vermutlich eher die veränderte militärische Lage als die Inspektion für die Schließung verantwortlich war.  
Die Zahl der bei den Grabungsarbeiten für das wahnwitzige „Friesenwall“-Projekt zugrunde gerichteten Menschen ist enorm. Von den etwa 9000 Häftlingen, die insgesamt beim Panzergraben-Bau eingesetzt waren, starben innerhalb weniger Monate zwischen 1700 und 2100 Häftlinge infolge von schlechter Ernährung, Nässe, Kälte, mangelnder ärztlicher Versorgung und von Misshandlungen.
Für Husum-Schwesing (297) und Ladelund (301) sind insgesamt 598 Tote registriert. Die tatsächliche Zahl der Opfer ist jedoch noch höher, weil viele der „arbeitsunfähigen“ Häftlinge ins Hauptlager zurückgebracht wurden und dort körperlich völlig ausgezehrt auf den so genannten „Schonungsblocks“ starben. Die Zahl der geschwächten Häftlinge, die vor Auflösung des Lagers durch Arbeitsfähige aus Neuengamme ausgetauscht wurden, betrug mindestens 750.

Aufgrund der katastrophalen Bedingungen gehörten die Sterblichkeitsraten in den beiden nordfriesischen Außenlagern zu den höchsten im KZ-System Neuengamme. Wie Marc Buggeln in seiner 2008 fertig gestellten Dissertation  zum Außenlagersystem des KZ Neuengamme nachgewiesen hat, lag in den acht Lagern, bei denen die Häftlinge zu militärischen Schanzarbeiten gezwungen wurden, die monatliche Sterblichkeit in der letzten Phase ab November 1944 bei 5,6 Prozent. Den höchsten Wert erreichte die monatliche Sterblichkeitsrate im Außenlager Husum. Sie betrug dort 9,4 Prozent, was hochgerechnet den Tod aller dort arbeitenden Häftlinge in weniger als elf Monaten bedeutet hätte. In Ladelund lag die monatliche Sterblichkeitsrate mit 7,9 Prozent demnach nur geringfügig niedriger.

Es stellt sich also die Frage, warum die Sterblichkeit gerade in diesen Außenlagern eine solche dramatische Höhe erreichte. Dafür möchte ich noch einmal ausführlicher auf die Verhältnisse im Lager Husum-Schwesing eingehen.
Am 27. September 1944, einen Tag nach der Ankunft, begann der Arbeitseinsatz. Den bis zu 15 Kilometer weiten Anmarschweg zu den Baustellen mussten sie anfangs zu Fuß zurücklegen. Da die Häftlinge jedoch bereits nach kurzer Zeit völlig ausgezehrt waren, wurde der Transport schließlich per Bahn arrangiert. Die Bedingungen beim Panzergrabenbau hat der Überlebende Jean Le Bris, der langjährige Präsident der französischen Amicale de Neuengamme, wie folgt beschrieben: „Das war die Hölle, denn in Nordfriesland ist das Land völlig flach. Wenn man dort Gräben aushebt, dann können die SS-Leute und die Kapos bis zum Horizont alles sehen: man konnte nur schwerlich aufhören zu arbeiten. Und wenn jemand erwischt wurde, wurde er sofort verprügelt. Und außerdem, auf diesem Gelände, sowie man ein bisschen kratzt, sowie man sich ein bisschen nach unten vorgräbt, kommt einem schon das Wasser entgegen, und wir arbeiteten dann im Wasser. Und da waren jeweils drei Leute, einer war unten drin, einer war an der Seite des Grabens und der andere dann oben, aber derjenige, der unten war, der stand im Wasser. Und morgens zogen dann die SS-Leute und die Kapos vorbei und stießen die Leute hinab, weil niemand nach unten wollte, und dann, dann stießen sie jeden dritten hinab, der den ganzen Abhang hinunterstürzte und dann ins Wasser fiel.“

Infolge ihrer chronischen Unterernährung waren die Häftlinge zu dieser schweren Arbeit nicht lange in der Lage. Die minderwertige Verpflegung war so kärglich, dass pro Mann und Tag durchschnittlich unter 1000 Kalorien zur Verfügung standen.  Ausweislich des Küchentagebuchs sank die Belegung vom 1. bis zum 19. November 1944 um 106 von 1468 auf 1360 Mann. Es muss davon ausgegangen werden, dass in dieser Zeit durchschnittlich sechs Häftlinge pro Tag vor allem an Hunger und Krankheiten, aber auch aufgrund von Arbeitsunfällen und Misshandlungen starben.  In den folgenden Wochen verschlechterte sich die Situation durch die zunehmende Kälte weiter. Nach einem vom Häftlingsarzt Paul Thygesen aus dem Lager geschmuggelten Rapport vom 25. November 1944 betrug die Krankenzahl an diesem Tag 734. Demnach litten 125 Häftlinge an Darmkrankheiten, 139 an anderen inneren Krankheiten und 470 an offenen Wunden. Bei 242 Häftlingen sei der Zustand sehr kritisch. Wie der Bericht weiter vermerkt, müsse davon ausgegangen werden, dass „eine sehr große Anzahl sterben wird“ . Die von Thygesen genannten Zahlen deuten darauf hin, dass zu dieser Zeit die Arbeitsfähigkeit so stark eingeschränkt war, dass faktisch nur jeder zweite Gefangene für den Arbeitseinsatz uneingeschränkt zur Verfügung stand. Die SS reagierte darauf mit der Rücküberstellung von 750 Kranken, die in drei Transporten zurück nach Neuengamme gebracht wurden. Dafür wurden im Austausch neue Häftlinge nach Husum-Schwesing geschickt.

Den Angaben von Paul Thygesen zufolge wogen die Häftlinge in Husum durchschnittlich zwischen 40 und 45 Kilogramm. Die Auswirkungen der Unterernährung beschrieb er im Nachhinein so: „Was nun das Essen betrifft, so lag der vorgeschriebene Kalorienwert noch unter dem Minimum, das selbst bei ganz leichter Arbeit erforderlich ist, und auf die notwendige Beigabe spezieller wertvoller Nahrungsstoffe wie Vitamine, Eiweiß etc. wurde überhaupt nicht geachtet. Auch hier handelt es sich um eine Folge des sich immer wieder erweisenden Mangel an Logik bei den Nazis: ein Arbeitslager einzurichten, das an sich nicht als Vernichtungslager gedacht war – und dann die Arbeit mit einer vollkommen unzureichenden Kost sabotieren.“

Kommandoführer Hans Hermann GriemVerantwortlich für diese Situation war nicht zuletzt der brutale und korrupte Kommandoführer Hans Hermann Griem und die von ihm ausschließlich aus der Gruppe der deutschen Kriminellen ernannten Funktionshäftlinge, die im Lager Angst und Schrecken verbreiteten. Die Funktionshäftlinge sicherten sich und einigen von ihnen begünstigte Häftlinge höhere Rationen, während die große Zahl der KZ-Gefangenen unter diesen Kürzungen zusätzlich zu leiden hatten. Noch folgenreicher war jedoch das Verhalten Griems, der regelmäßig Häftlinge misshandelte und einige von ihnen auch direkt ermordete. Von der Schusswaffe machte er rücksichtslos Gebrauch. Zudem zweigte er für sich, für ihm untergebene SS-Angehörige und auch für seine Familie Lebensmittel von den ohnehin geringen Verpflegungsrationen ab. Seit dem 1. November war Griem gleichzeitig Lagerführer in Ladelund, wo er sich die meiste Zeit aufhielt. Für die Husumer Häftlinge bedeutete dies jedoch keine Erleichterung, da der bei ihnen gefürchtete SS-Rottenführer Josef Klingler ihm nacheiferte und sich ebenfalls zum Herrn über Tod und Leben erklärte.

Namentlich nachweisbar sind für das Außenlager Husum 291 Tote. Von ihnen starben 34 im Oktober 1944, 178 im November und 79 im Dezember. Durch die drei Selektionstransporte in das Stammlagergibt es jedoch tatsächlich weit mehr Opfer; ihre Zahl kann bis zu 1000 betragen haben. Die weitaus meisten der in Husum Verstorbenen kamen aus den Niederlanden. Mit 232 Toten stellten sie einen Anteil von 79,7 Prozent. Die nächst größeren Gruppen stellten mit weitem Abstand 20 französische, 11 dänische und 9 polnische Häftlinge. 142 Tote – und damit nahezu die Hälfte (genau 48,8 Prozent) – waren Jahrgang 1921 und jünger, also zum Zeitpunkt ihres Todes unter 24 Jahre alt. Aus diesen Zahlen folgert Marc Buggeln: „In Husum starben demnach also vor allen Dingen junge niederländische Häftlinge. Es ist kaum anzunehmen, dass die SS gerade diese Gruppe zur willentlichen Vernichtung ausgesucht hatte. Vielmehr spricht einiges dafür, dass der SS im vornherein nicht klar war, unter welch mörderischen Bedingungen die Arbeiten stattfinden würden. Die mörderische Situation entwickelte sich aufgrund des kalten Winters, des aufsteigenden Grundwassers und der schweren körperlichen Arbeit. Hinzu kamen ein korrupter und brutaler Lagerführer, ein brutaler Blockführer und ebenso brutale Funktionshäftlinge, sowie ein vermutlich durch die Angst der Kriegsmarine vor einer Invasion befördertes hohes Arbeitstempo.“  

Ich möchte noch auf einen weiteren Punkt hinweisen, auf den Klaus Bästlein bereits vor dreißig Jahren in seiner Pionierstudie zur Geschichte des Außenlagers Husum-Schwesing aufmerksam gemacht hat, nämlich wie vielfältig und unterschiedlich die Reaktionsweisen der Bevölkerung waren, wenn die Häftlingskolonnen morgens und abends zur Arbeit bzw. von der Arbeit durch Husums Straßen zogen: „Während die einen über das, was sich vor ihren Augen abspielte, so schockiert waren, daß sie noch heute darüber zu weinen beginnen, glaubten die anderen die von der Nazi-Partei und sonstigen Stellen ausgestreuten Behauptungen, daß es sich bei den Häftlingen um ‚Banditen, Saboteure und Kriminelle‘ handelte. In Eiseskälte verharrend, standen sie am Straßenrand, manche blickten den sich dahinschleppenden Menschen höhnisch hinterher, und einige hatten offensichtlich ihren Spaß an den Gestalten des Elendszuges wie an vorgeführten Zirkus-Kreaturen. […] Andere leerten aus den Fenstern in den engen Straßen Husums ihre Abfalleimer über den Köpfen der Häftlinge, die begierig nach Kartoffelschalen und anderem Eßbaren schnappten. Husum im Herbst 1944. Unfaßliche Bilder aus einer schleswigschen Kleinstadt, dem Zentrum Nordfrieslands.“

Viele Gäste hörten den Vortrag von Detlef GarbeWohl berichtet Bästlein von mutigen Aktionen Einzelner, etwa von einem Eisenbahner, der sich weigerte, die in Viehwaggons gepferchten Häftlinge zu fahren, oder von einigen Landwirten aus der Umgebung Bredstedts nördlich von Husum, die sogar mit einem Schreiben an den Kommandanten des KZ Neuengamme gegen die Behandlung der im mörderischen Panzersperrgrabenbau auf oder nahe ihren Feldern eingesetzten Häftlinge Einspruch erhoben haben sollen. Doch verweist er darauf, dass diese nicht hoch genug einzuschätzenden Akte der Mitmenschlichkeit am Gesamtbild wenig zu ändern vermögen. Den Häftlingen, denen die deutsche Bevölkerung als Zuschauer an den Straßenrändern und an Arbeitsstellen begegnete, schlug eine „stumpfe, lähmende Passivität“ entgegen – „eine Passivität aus Gleichgültigkeit und Angst“ .
Natürlich wird in dieser Situation die Angst vor der SS und den vielen Parteigängern des Regimes eine Rolle gespielt haben. Doch war ein anderer Aspekt vermutlich noch bestimmender: Nach über zehn Jahren Naziherrschaft waren die Einzelnen anscheinend oftmals nicht in der Lage, gravierende Menschenrechtsverletzungen überhaupt noch zu erkennen. Sie waren bestimmt vom eigenen Leid, das ihnen mit zunehmender Kriegsdauer widerfahren war, sie trauerten um gefallene Soldaten, waren traumatisiert von den Flächenbombardements in den Städten und dem Beschuss durch Tiefflieger auf dem Land, gelähmt vor Entsetzen über die sich entgegen aller Endsiegpropaganda unzweifelhaft vollziehende totale Niederlage, in angstvoller Erwartung vor den heranrückenden alliierten Soldaten. Apathisch, ängstlich und längst nicht mehr fähig zur Empathie war der Großteil der Bevölkerung in den letzten Kriegsmonaten wohl ausschließlich um sich selbst besorgt. Für fremdes Leid, erst recht für das der als gefährliche Sträflinge stigmatisierten Konzentrationäre, war kein Raum.

Zusammenfassend möchte ich nochmals die Besonderheiten der Westküstenlager Husum-Schwesing und Ladelund im System der Außenlager des KZ Neuengamme benennen:

  1. Die Einrichtung der beiden Lager lässt sich zumindest teilweise auf die Initiative des Hamburger Gauleiters und Reichsverteidigungskommissars Karl Kaufmann zurückführen.
  2. Die Bedeutung der nur relativ kurz existierenden nordfriesischen Außenlager erschließt sich nicht nur aufgrund ihrer Größe – in ihnen waren nahezu fünf Prozent aller Häftlinge des KZ Neuengamme inhaftiert –, sondern vor allem aufgrund der sehr hohen Todesraten, die von den besonders schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen in diesen beiden Lagern zeugen.
  3. Der menschenverachtende Charakter zeigt sich hier nicht nur in der Sinnlosigkeit des „Friesenwall“-Projekts, sondern auch in der Skrupellosigkeit der SS-Lagerführung und der ihr willfährigen Funktionshäftlinge.
  4. Opfer wurden hier in erster Linie weder die aus rassistischen Gründen verfolgten Juden noch die in der SS-Wertehierarchie niedrig eingestuften Russen und Ukrainer, sondern vor allem niederländische, dänische und französische Häftlinge.

Es ist nur zu begrüßen, dass die historische Bedeutung der nur zusammen zu denkenden Lager Husum und Ladelund in den beiden letzten Jahrzehnten verstärkt erkannt worden ist. Nach dem Bau des Dokumentenhauses 1990 in Ladelund und der Erweiterung um Räume für die pädagogische Arbeit 2006 steht dort nunmehr mit der Erarbeitung einer neuer Dauerausstellung und eines Konzepts für die bessere Berücksichtigung der historischen Orte, des ehemaligen Lagergeländes, des Panzergrabens und der Gräber ein weiterer bedeutungsvoller Schritt an. Das Land und Bund hier gemeinsam die Verantwortung erkannt haben und beträchtliche Mittel zur Verfügung stellen, ist eine gute Nachricht. Im Blick auf Husum-Schwesing, wo die 1987 eingeweihte Gedenkstätte schrittweise gestaltet und erweitert wurde, bleibt hingegen noch einiges zu tun. Es ist sehr zu hoffen, dass die Neukonzeption der Gedenkstättenarbeit in Husum bisher Versäumtes ausgleicht und in Kooperation mit Ladelund ein Lernort entsteht, der weit über Nordfriesland hinaus für Schleswig-Holstein und die Nachbarländer von Bedeutung sein könnte.

Fragen der Gedenkstättenentwicklung und –konzeption, die ja nicht Teil des mir gestellten Themas sind, eignen sich zweifellos besser für die anschließende Diskussion. Deshalb möchte ich mit diesen Worten meinen Vortrag beenden und Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit danken.